Eine Ausstellung zur Geschichte der Dissidenz
Unsere Wanderausstellung gibt Einblicke in Protestbewegungen und Widerstandsformen im östlichen Europa der 1960er bis 1980er Jahre.
Die einzelnen Poster widmen sich Themen und Menschen, die für die Geschichte der Dissidenz bedeutsam sind. Zugleich möchte die Ausstellung dazu anregen, historische Erfahrungen und Haltungen aus heutiger Sicht zu diskutieren.
An dieser Stelle laden wir Sie ein, eigene Gedanken und Erfahrungen mit uns zu teilen. Wir freuen uns auf Ihre Beiträge – nach einer Überprüfung durch das Moderationsteam werden sie auf der digitalen Wand zur jeweiligen Frage veröffentlicht (siehe unten).
»Ein Gespenst geht um in Osteuropa, ein Gespenst, das man im Westen ›Dissidententum‹ nennt,« schrieb der tschechische Dramatiker Václav Havel in seinem Essay »Versuch, in der Wahrheit zu leben. Von der Macht der Ohnmächtigen«.
Havel zählt zu den bekanntesten Dissidenten aus den sozialistischen Ländern des östlichen Europas. Wie viele andere Menschen auch kämpfte er gegen staatliche Gewalt und die Unterdrückung der Meinungsfreiheit, gegen Zensur und politische Lügen. Dafür nahm er Verfolgung, Publikationsverbote und Gefängnisstrafen in Kauf. 1977 gehörte er zu den Initiatoren der Bürgerrechtsbewegung Charta 77. 1989 war er maßgeblich an der »Samtenen Revolution« beteiligt, die zum Sturz des kommunistischen Regimes in der Tschechoslowakei führte und ihn zum Präsidenten des Landes machte.
Unsere Ausstellung versucht Antworten zu geben auf die Fragen, die Havel in seinem Essay von 1978 aufwirft.
Mit dem Jahr 1968 verbinden wir heute vor allem den Aufstand einer jungen Generation gegen die als verkrustet empfundene Nachkriegsordnung. In den westlichen Ländern gab es Proteste gegen den Vietnamkrieg, es entstanden die Studentenbewegung und die afroamerikanische Bürgerrechtsbewegung. Auch jenseits des ›Eisernen Vorhangs‹ war 1968 ein entscheidendes Jahr. In der Sowjetunion und den Warschauer-Pakt-Staaten entstand, ausgelöst durch den sogenannten Prager Frühling, die Dissidentenbewegung.
Im Frühjahr 1968 versuchte der Erste Sekretär der Kommunistischen Partei der Tschechoslowakei, Alexander Dubček, einen »Sozialismus mit menschlichem Antlitz« umzusetzen. Viele glaubten, dass seine liberalen Reformen als Vorbild für andere kommunistische Staaten dienen könnten. Doch die Hoffnungen auf einen friedlichen Wandel wurden am 21. August 1968 brutal zerstört, als die Führung der Sowjetunion Panzer in die tschechische Hauptstadt Prag einrücken ließ.
Am 25. August 1968 versammelten sich acht Personen friedlich auf dem Roten Platz in Moskau, um schweigend ihre Unterstützung für die Tschechoslowakei zu bekunden. Auf dem berühmtesten der Plakate, die die Lyrikerin Natalja Gorbanewskaja gemalt hatte, stand »Für eure und unsere Freiheit«, eine abgewandelte antizaristische Parole polnischer Republikaner von 1825. Im gleichen Jahr zitierte Robert Havemann, der bekannteste Regimekritiker in der DDR, in einer Protestschrift erstmals Rosa Luxemburgs Ausspruch »Freiheit ist immer Freiheit der Andersdenkenden«.
›Dissidenz‹ leitet sich vom lateinischen ›dissidere‹ ab, was so viel wie ›abweichen‹, ›anders denken‹ bedeutet. Seit dem 16. Jahrhundert bezeichnete dieser Begriff in Europa religiöse Minderheiten.
Im Kalten Krieg begannen westliche Redaktionen Ende der 1960er Jahre, den Begriff ›Dissident‹ für osteuropäische Regimekritiker:innen zu verwenden, um sie als mutige Einzelne darzustellen, die sich dem autoritären System des Staatssozialismus widersetzten.
Doch viele der so Bezeichneten lehnten das Wort ab. Sie sahen sich nicht als Abweichler, sondern als Teil der Gesellschaft. Sie wollten nicht nur moralische Kritik formulieren und Menschenrechte einfordern, sondern auch politisch etwas verändern. In den sozialistischen Staatsmedien wurde der Begriff ›Dissident‹ mit Staatsfeindlichkeit und psychischer Krankheit in Verbindung gebracht. Erst später wurde er von Menschenrechtler:innen auch positiv besetzt.
Dissident:innen wollten aufklären und gesellschaftliche Veränderungen anstoßen. Sie kämpften für Rechtsstaatlichkeit und protestierten gegen politische Repression und Zensur. Sie setzten sich dafür ein, verdrängte oder tabuisierte Seiten der Geschichte sichtbar zu machen, etwa die Verbrechen des Stalinismus oder die nationalsozialistische Judenvernichtung. Später kamen andere Themen hinzu: das Recht auf Meinungsfreiheit, freie Religionsausübung, Umweltschutz, Reisefreiheit.
Die Schlussakte der Konferenz für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (KSZE) 1975 in Helsinki war für viele Dissident:innen ein Hoffnungssignal. Darin verpflichteten sich auch die Staaten des Warschauer Pakts zur Einhaltung von Menschenrechten, Meinungsfreiheit und dem Recht auf Selbstbestimmung. Menschen in verschiedenen Ländern des östlichen Europas nahmen die Regierungen beim Wort – und beriefen sich in Petitionen und Protesten direkt darauf und gründeten vielerorts sogenannte Helsinki-Gruppen.
In der medialen Berichterstattung über diesen Kampf für Menschenrechte standen meist die Männer im Mittelpunkt. Doch es waren oft Frauen, die Aktionen planten und durchführten, Publikationen vorbereiteten oder anstelle ihrer inhaftierten Ehemänner die Dissidentenbewegung fortführten.
Um ihre Unzufriedenheit mit der Politik der Herrschenden auszudrücken, wählten die Dissident:innen häufig symbolträchtige Orte und Daten. Selbst wenn die Aktionen oft innerhalb kurzer Zeit von den staatlichen Ordnungsorganen beendet wurden, sorgten die Beteiligten dafür, dass sie dokumentiert wurden oder ausländische Medien über sie berichteten.
Am 16. Januar 1969 setzte sich der tschechische Student Jan Palach auf dem Prager Wenzelsplatz selbst in Brand, um gegen die sowjetische Besetzung zu protestieren. Der Wenzelsplatz wurde zu einem Symbol des Widerstands.
Im Herbst 1989 wurden in der DDR Orte wie die Leipziger Nikolaikirche oder die Gethsemanekirche in Ostberlin zu Zentren des Widerstands gegen das SED-Regime. Kirchen boten Regimekritiker:innen einen geschützten Raum für Treffen und Diskussionen.
Während des Kalten Krieges wurden private Wohnungen von Schriftsteller:innen und Intellektuellen für einen Austausch genutzt, der in der Öffentlichkeit nicht möglich war. Hier wurden gemeinsam unveröffentlichte Texte gelesen und Aktionen wie die Verteilung von Flugblättern oder nicht konforme Kunstausstellungen geplant.
Keller waren abgeschirmte Rückzugsorte, die Schutz vor Überwachung boten. Hier konnten sich Dissident:innen heimlich treffen, um politische Pläne zu schmieden oder informelle Kulturveranstaltungen zu organisieren. Die Samisdat-Bewegung nutzte Kellerräume, um geheime Radiosendungen vorzubereiten und oppositionelle Literatur zu vervielfältigen.
Die Datsche ist eine Gartenlaube bzw. ein einfaches Häuschen mit Garten außerhalb der Stadt. In der Sowjetunion, wo städtische Wohnhäuser meist keine nutzbaren Keller hatten, boten Datschen die Möglichkeit, sich in einem geschlossenen Raum ohne Abhörgefahr zu versammeln und auch westliche Radiosender besser zu empfangen.
In vielen Ländern zirkulierte Schriftgut, das nicht offiziell veröffentlicht werden konnte, im Samisdat (vom russischen Wort für ›Selbstverlag‹). Meist handelte es sich um schlecht reproduzierte, schwer lesbare maschinengeschriebene Seiten. Für die Verbreitung von solchen illegalen Druckerzeugnissen konnte man verhaftet werden.
In Osteuropa verbotene Manuskripte wurden gelegentlich von Diplomat:innen, Journalist:innen oder Wissenschaftler:innen in den Westen gebracht, um dort übersetzt und veröffentlicht zu werden. Wurde ein Teil der Auflage wieder zurück in den Ostblock geschmuggelt, nannte man sie Tamisdat (aus dem Russischen, wörtlich ›Dort-Herausgabe‹). Tamisdat-Bücher wurden meist auf dünnem, minderwertigem Papier gedruckt und hatten ein handliches Taschenbuchformat.
Von der Zensur verbotene Musikplatten aus dem Westen wurden heimlich auf alten Röntgenaufnahmen geprägt, sie wurden umgangssprachlich ›Knochen‹ genannt. Selbst Briefmarken wurden zu einem Medium des Protests: Oppositionelle entwarfen alternative Marken mit politischen Botschaften. Diese waren nicht offiziell gültig, wurden aber im Untergrund zur Finanzierung oppositioneller Aktivitäten verkauft.
Dissident:innen standen unter ständiger Beobachtung. Wohnungen wurden verwanzt, Briefe geöffnet, Telefone abgehört. Geheimdienste legten umfangreiche Akten an und nutzten persönliche Schwächen für gezielte Einschüchterung. Ziel war nicht nur Kontrolle, sondern die psychische Zermürbung und soziale Isolation der Betroffenen.
Dissident:innen wurden systematisch aus dem Berufsleben verdrängt. Wer Kritik übte, konnte von heute auf morgen entlassen und danach daran gehindert werden, eine neue Arbeit zu finden. Kreative wurden aus ihren Verbänden ausgeschlossen.
Offene Kritik konnte massive Strafen nach sich ziehen. In der Sowjetunion kamen Dissident:innen ins Lager oder wurden in psychiatrische Kliniken zwangseingewiesen. Auch in anderen Ländern wurden Menschen beispielsweise wegen der Verbreitung von Flugblättern, Unterschriftensammlungen oder Kontakten in den Westen inhaftiert. Die Haftbedingungen waren hart: Dunkelzellen, Einzelhaft, Demütigungen.
Wer als zu gefährlich galt, wurde zur Ausreise gezwungen. Für viele bedeutete das Exil zwar Freiheit, aber auch Trennung von Familie, Sprache und Heimat. Das Exil wurde zu einem Ort politischer Arbeit, von dem aus Proteste organisiert, Exilmedien gegründet oder andere Dissident:innen unterstützt werden konnten.
In Belarus unterdrückt das Regime des Präsidenten Lukaschenko jede Form von Opposition. Wer sich gegen die Regierung stellt, riskiert Gefängnis, Folter oder den Verlust seiner Existenz. In Russland wurden bereits vor dem Angriff auf die Ukraine 2022 und seither verstärkt Menschenrechtler:innen, Journalist:innen, Aktivist:innen und Künstler:innen verhaftet und zu Gefängnisstrafen von bis zu mehr als 20 Jahren verurteilt oder sogar ermordet.
Früher riskierten Dissident:innen Freiheit, Gesundheit und Leben für die Durchsetzung von Menschenrechten. Heutzutage bezeichnen sich beispielsweise Verschwörungsideolog:innen, Rechtsintellektuelle oder Coronaleugner:innen als »Dissidenten«. Sie stilisieren sich so als Opfer und couragierte Außenseiter, die sich gegen ein angeblich unterdrückerisches System stellen. Solche Aneignungen des Begriffs verkehren historische Kontexte und pervertieren moralische Maßstäbe.
Dissidenz fasziniert – nicht erst seit dem Politthriller »Das Leben der Anderen« (2006) über die Staatssicherheit der DDR. Neben problemorientierten Auseinandersetzungen mit Geschichten der Dissidenz gibt es zahlreiche populäre, international erfolgreiche Formate, in denen Menschen, die unter extremen Bedingungen vehement für ihre Haltungen einstehen, zu attraktiven Held:innen stilisiert werden.
Es gibt eine intensive wissenschaftliche Auseinandersetzung mit der Geschichte der Dissidenz im östlichen Europa. Hier finden Sie Links zu weiterführenden Quellen, Materialien und einschlägigen Forschungsprojekten.
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